Warten lernen
Kinder können unglaublich viel lernen, wenn die Eltern warten gelernt haben.
Am Wochenende war ich mit meiner Tochter in der Jugendherberge. Dort gab es an der Anmeldung allerhand zu kaufen, unter anderem einen „Stimmungsring“. Der sollte es nun sein und so wurde das Taschengeld investiert und ein solcher Ring erworben.
Einen ganzen Tag lang war das Kind sehr glücklich, immer wieder wurde der Ring bewundert und allen anderen Leuten gezeigt.
Am Abend des zweiten Tages war er verschwunden. Sicher können Sie sich das Drama vorstellen, meine Tochter war am Boden zerstört und weinte nahezu untröstlich. Ich habe sie auf meinen Schoß genommen und gewartet.
Sie weint und weint und mir hilft es dann manchmal möglichst unauffällig auf die Uhr zu schielen. Erstaunlich oft weicht meine Wahrnehmung nämlich von der tatsächlich vergangenen Zeit ab, wenn sie sich beruhigt hat. Meistens dauert es keine 5 Minuten.
So war es auch diesmal, ich habe die Zeit genutzt und bin schon verschiedenste Möglichkeiten gedanklich durchgegangen, aber keine gefiel mir auf Anhieb.
Einen neuen Ring kaufen, sie darauf hinweisen, dass sie ihn besser nicht draußen angezogen hätte, ihr zum Trost etwas versprechen, ihr vorschlagen, dass wir den Ring suchen gehen (auf einem Spielplatz mit Sandkasten und Schotter als Fallschutz ein recht aussichtsloses Unterfangen), ... keine der Ideen überzeugte mich.
Während ich nun noch überlegt habe, hat sich meine Tochter beruhigt und fragt mich: „Hilfst Du mir suchen, Mami?“
„Ja!“, habe ich gesagt, mir meine Schuhe geholt und wir sind zum Spielplatz gegangen. Und tatsächlich, wir haben den Ring wieder gefunden. Ich habe nicht damit gerechnet.
Ich habe wieder etwas gelernt: Manchmal passieren auch Dinge, mit denen man nicht rechnet. Manchmal hilft es, einfach etwas zu versuchen, auch wenn man nicht an den Erfolg glaubt. Manchmal haben Kinder tolle Ideen und kommen ganz alleine auf diese Ideen. Manchmal hilft warten, warten, bis das Kind sich beruhigt hat und selber nachdenken kann.
Was hat das Kind dabei gelernt? Das sie traurig sein kann und darf und dass es auch wieder vorbei geht. Sie kann alleine eine Lösung finden. Es kann erfolgreich sein, etwas zu versuchen, auch wenn es unwahrscheinlich ist. Meine Mutter traut mir zu, eine Lösung zu finden. Meine Mutter tröstet mich, wenn ich traurig bin.
Warten hilft – auch in anderen Situationen – ich werde berichten...
Das ist sehr schlecht.
Im Alltag ist es eine großer Erleichterung, wenn bestimmte Handlungsabläufe automatisiert sind. Das erleichtert es Kindern und Erwachsenen, nicht über alles nachdenken zu müssen oder alles zu diskutieren.
Solche Routinen geben allen Familienmitgliedern große Sicherheit.
Tritt allerdings eine nicht vorhersehbare Situationen ein und einzelnen Familienmitglieder schaffen es nicht, den Autopiloten auf Stand-by zu schalten, dann wird die Situation vermutlich komplizierter.
Der morgendliche Ablauf ist in vielen Familien automatisiert. Hat die Familie nun verschlafen ist es eher hinderlich an den gewohnten Routinen festhalten zu wollen. Da ist gedanklich dann einen Schritt zurücktreten gefragt und einen neuen Plan aus dem Hut zaubern.
Das gelingt einigen Leuten besser, anderen schlechter.
Die eine Mutter hat sofort einen neuen Ablauf im Kopf und führt diesen aus.
Die andere Mutter kann sich schlecht umstellen.
In beiden Fällen ist es trotzdem sinnvoll, den Autopiloten zu verlassen, denn da schon die zeitliche Situation eine ganz andere ist, kann dieser nicht mehr hilfreich sein.
Wenn es mir in einer Situation schwer fällt, einen neuen Plan zu sehen, dann ist die Devise oft:
Zeit gewinnen durch Zeit nehmen. Ich setze mich also bewusst hin für 2 Minuten (diese 2 Minuten ändern dann nämlich auch nichts mehr) und überlege, was ist wirklich wichtig jetzt zum erreichen eines Zieles und in welcher Reihenfolge, was kann ich weglassen.
Und dann kann ich starten.
Verschlafen Kinder können einen Tag ohne frische Socken und auch nur mit Katzenwäsche in die Schule, ein Frühstück für die Schule ist allerdings wichtig.
Das kann aber durchaus ein ganzer Apfel sein und eine ganze Hand voll Studentenfutter sein.
Zum Frühstück öffne ich dann einen Glaskuchen oder ein Glas Apfelkompott und hol das Kind noch auf meinen Schoß für 5 Minuten, denn mit Hektik und damit Stress das Haus verlassen ist sicher „ungesünder“ (zumindest für die Beziehung) als einen Morgen zum Beispiel Kuchen zum Frühstück.
Stellen Sie Ihren Autopiloten auf den Prüfstand und kontrollieren Sie in ungeplanten Situationen, ob Ihr Autopilot ungefragt anspringt. Manchmal merke ich das nämlich erst hinterher.
Das ist sehr gut.
Im Alltag ist es eine großer Erleichterung, wenn bestimmte Handlungsabläufe automatisiert sind. Das erleichtert es Kindern und Erwachsenen, nicht über alles nachdenken zu müssen oder alles zu diskutieren.
Solche Routinen geben allen Familienmitgliedern große Sicherheit.
Ein sehr bekanntes Beispiel ist die Abendroutine: Nach dem Abendbrot folgt in vielen Familien Tisch abräumen, Tisch abwischen, Zähne putzen, Vorlesen und Gute Nacht sagen.
Jeder kann sich dran orientieren und es wird nicht jeden Abend neu verhandelt.
Wenn das Kind mit aufgeschürftem Knie ins Haus kommt, dann wird erst getröstet und dann eines der Zauberpflaster geholt.
Lässt das Kind die Wäsche entgegen der Absprache im Flur liegen und die Mutter entdeckt es, dann schaltet sich bei einer Mutter der Autopilot an und es setzt ein Donnerwetter. Vorausgesetzt, das Standpauke ist respektvoll und die Mutter macht damit deutlich, dass hier Ihre Grenze überschritten wurde, ist es eine gute Möglichkeit für das Kind, etwas über die Bedürfnisse anderer zu lernen.
Lässt das Kind die Wäsche entgegen der Absprache im Flur liegen und die Mutter entdeckt es, dann schaltet sich bei einer anderen Mutter ein anderer Autopilot an und sie räumt die Wäsche in den Wäschekorb. Vorausgesetzt, sie tut diese ohne Groll und mit der Überzeugung, dass es das Kind schon irgendwann lernen wird, dann ist auch das eine gute Möglichkeit für das Kind, etwas über die Bedürfnisse anderer zu lernen. In diesem Fall durch eine aktive Handlung.
Beides ist nicht besser und nicht schlechter für die einzelne Familie, nur ein anderer Autopilot. Und in beiden Fällen erleichtert dieser den Umgang mit einer wiederkehrenden Situation.
An welchen Stellen und in welchen Situationen haben Sie Autopiloten installiert in Ihrem Alltag?
Und wo sehen Sie eine, sich häufig wiederholende, Situation, die vielleicht mit einer Routine einfacher zu meistern ist?
Bauen Sie Autopiloten in Ihren Alltag ein!
... dann musst Du auch noch etwas Gemüse nehmen!
Haben Sie Lust auf ein Experiment?
Denken Sie jetzt an einen sehr guten Freund oder an eine Freundin. Diesen Namen setzen Sie jetzt gedanklich an den Stellen im folgenden Text ein, an denen Name steht. Und dann lesen Sie sich den Text, ganz freundlich, laut vor.
Name, wir wollen jetzt essen, kommst du?
Hast du dir die Hände gewaschen, Name?
Name, warte doch bitte, bis alle sitzen.
„Nimm Dir doch noch Gemüse Name. Probier doch wenigstens mal. Das ist ganz lecker, Name!
Nicht die Finger, Name. Zappel doch nicht so, Name.
Also, wenn Du gar kein Gemüse ist, Name, dann bekommst Du auch keine Wurst mehr.“
Erstaunlich, oder? Das kommt mir zumindest total falsch vor. So käme ich nie auf die Idee, mit einem Freund zu sprechen.
Mit Kindern wird ganz häufig so gesprochen. „Man“ hat es doch nur gut gemeint und war doch ganz freundlich. Die Kinder müssen doch lernen, dass Gemüse gesund ist. Sonst essen Sie ja immer das gleiche... ? So rechtfertigen Eltern diese Sätze, die niemand so oder auch nur so ähnlich zu einem Freund sagen würde.
Versuchen Sie mal sich hineinzufühlen, wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie bei einer befreundeten Familie zum Mittagessen wären und Sie werden so angesprochen.
Heute war ich mit meiner Tochter schwimmen.
In den Umkleidekabinen wurde ich wieder einmal unfreiwillig Zeuge von diversen Unterhaltungen, oder soll ich besser Beschimpfungen schreiben.
K. (Kind) nun mach doch mal, Du hast ja immer noch nicht angefangen.
Guck doch nicht in der Gegend herum.
Die Socken! - Fang doch wenigstens an.
Wir sind so schon viel zu spät und du bemühst dich noch nicht einmal dich zu beeilen.
Selbst deine kleine Schwester ist schneller.
K. bring mich nicht zur Weißglut, wenn Du jetzt nicht voran machst, dann fahren wir wieder nach Hause.
Es ist immer dasselbe mit Dir.
K. wird’s bald?
Ich geh gleich alleine ins Schwimmbad – dann kannst du sehen, wie du fertig wirst.
Na endlich, ich dachte schon du wirst gar nicht mehr fertig.
Und ehe Sie jetzt denken, dass wäre aus verschiedenen Kabinen gekommen – nein – alles die gleiche Kabine – während ca. 10 Minuten!
Vielleicht ist K. dann umgezogen – aber sicherlich wird er sich nicht besonders gut fühlen. Außerdem hat er dafür auch noch das Gefühl vermittelt bekommen, er sei selber schuld.
Ich sehe das etwas anders, denn in erster Linie ist die Mutter dafür verantwortlich, so rechtzeitig im Schwimmbad anzukommen, dass das Kind sich in Ruhe umziehen kann.
Schafft sie das nicht, dann ist sie aus meiner Sicht dafür verantwortlich, dem Kind kommentarlos zu helfen.
Und dabei ist das kommentarlos sehr wichtig! Denn in diese Situationen hat die Mutter ja das Kind gebracht.
Und wenn wir uns dann die Sätze von oben näher anschauen – dann könnte die durchaus auch ein „unbeteiligter Beobachter“ zur Mutter sagen:
M. (Mutter) nun mach doch mal, Du hast ja immer noch nicht angefangen. Guck doch nicht in der Gegend herum. Die Socken! - Fang doch wenigstens an. Wir sind so schon viel zu spät und du bemühst dich noch nicht einmal dich zu beeilen. Selbst deine kleine Schwester ist schneller. M. bring mich nicht zur Weißglut, wenn Du jetzt nicht voran machst, dann .... Es ist immer das selbe mit Dir. M. wird’s bald? Ich geh gleich alleine ins Schwimmbad – dann kannst du sehen, wie du fertig wirst. Na endlich, ich dachte schon du wirst gar nicht mehr fertig.
Die Mutter würde sich diese Vorwürfe und diesen Ton vermutlich verbitten – zu Recht!
Und zu einem fröhlichen und entspannten Miteinander trägt es sicherlich auch nicht bei. Dabei vermute ich doch, dass die Mutter diesen Nachmittag mit dem Kind verbringt, weil sie möchte, dass das Kind einen schönen Nachmittag hat und sich auf das Schwimmen und den Schwimmkurs freut.
Ob es beim ersten Schwimmkurstag auch so war? Oder ob die Mutter da wert drauf gelegt hat, rechtzeitig da zu sein, es dem Kind so angenehm wie möglich zu machen - weil sie ja wollte, dass es ihm dort gefällt.
Dann frage ich mich, was ist passiert seit dem ersten Mal?
Und sollten sie glauben, dass es eine einmalige Ausnahme war, dass die Mutter sonst immer geduldig und rechtzeitig da ist – nun, dann sollten sie sich mal vor dem Beginn eines Schwimmkurses in eine Umkleidekabine stellen – dort werden sie jede Woche Zeuge von genau diesen Dramen...
Wenn ich es schaffe, in einer Situation einen Moment inne zuhalten, zu schweigen und zu atmen, dann entwickeln sich viele viele Dinge in einer sehr erfreulichen Art.
Meinem Kind fällt der volle Wasserbecher aus der Hand und der ganze Tisch schwimmt.
Schweigen – atmen.
Mein Blick fällt auf der erschrockene Gesicht meines Kindes und ich sehe ihre Not.
Wie leicht fällt es mir, sie zu trösten.
Fünf Uhr morgens, eine Stimme reißt mich aus dem Schlaf: Mami, ich habe Durst.
Schweigen – atmen.
Wenn ich jetzt sauer werde, dann schaukeln wir uns beide hoch und schlafen sicher nicht wieder ein. Wenn ich Ihr jetzt Wasser hole, mich wieder ins Bett kuschel und wir dann nicht wieder einschlafen, dann sind wir mit einem warmen, liebevollem Gefühl wach.
Ich versuche diesen Text hier zu schreiben und I. kommt ständig an und fragt und redet und singt und pfeift.
Schweigen – atmen.
Ich sehe ihre Langeweile und kann auch die Zeit sehen, die sie schon alleine gespielt hat jetzt. Ich unterbreche meine Arbeit, nehme sie in den Arm und drücke sie kurz.
Dann schlage ich Ihr ein Spiel vor und schreibe noch schnell die letzten Sätze.
oder wie eine Einigung ohne Verlierer auch mit einem Säugling möglich ist.
Letzte Woche wollte ich für die großen Kinder Brote schmieren und das Baby N. wollte auf meinen Arm. Da ich mit einer Hand noch nicht geschickt genug bin, hatten wir einen Interessenkonflikt.
Möglichkeit 1:
Ich setze mich durch, ich lasse N. meckern und schmiere die Brote zu Ende.
Möglichkeit 2:
N. gewinnt, ich nehme ihn auf den Arm, die Brote werden nicht fertig, die anderen Kinder sind hungrig und wir kommen in Zeitnot.
Möglichkeit 3:
Wir verhandeln: Ich nehme N. auf den Arm und beruhige ihn. Sobald er wieder zufrieden ist, lege ich ihn wieder ab, in meiner Sichtweite. Dabei erkläre ich ihm, dass ich nur schnell die Brote schmieren möchte. Sobald er wieder quengelt und weint, nehme ich ich N. wieder auf den Arm, tröste ihn wieder und lege ihn dann wieder auf seine Decke.
Manchmal schaffe ich es gerade ein Brot mit Butter zu beschmieren und nach gefühlten 20 sec. meldet N. mir wieder, dass er ja eigentlich auf meinen Arm möchte. Ich unterbreche, nehme ihn wieder hoch, beruhige ihn und mache weiter, sobald er sich wieder ablegen lässt.
Die Botschaft an N. ist aber eindeutig:
Ich will eigentlich etwas anderes machen, aber ich höre auch, was Dein Bedürfnis ist. In dem ich ihn aber immer wieder ablege, kümmere ich mich auch um mein Bedürfnis und zeige ihm auch mein Bedürfnis.
Ich habe mir die Mühe gemacht und habe auf die Uhr geschaut, das Brote schmieren für 4 Kinder hat 25 Minuten gedauert. Wenn ich N. hätte weinen lassen, dann wäre ich sicher schneller gewesen, zufriedener hätte ich mich aber sicherlich nicht gefühlt.
P.S. Wenn Sie sich fragen, warum ich das Baby nicht einfach ins Tragetuch genommen, dann ist das eine berechtigte Frage. Das Tragetuch wollte N. unter gar keinen Umständen und da hätte das Verhandeln noch länger gedauert mit Tuch binden und wieder ablegen.
Dauer des Essens
Wen ich meinem Kind beim Essen zu schaue, dann hab ich immer das Gefühl, dass ich schlinge...
Eigentlich fällt mir keine Mahlzeit ein, in der meine Tochter vor mit fertig ist mit essen.
Ob ich so schnell esse oder sie so langsam?
Zumindest hat es mich oft genervt, ich hatte das Gefühl, untätig neben ihr zu sitzen und zu warten, bis sie fertig ist mit essen. Denn sie da alleine sitzen zu lassen, das wollte ich auch nicht. Essen ist ja auch etwas geselliges. Und sie zur Eile antreiben erschien mir auch nicht richtig, schließlich ist es ja gesünder, nicht so schnell zu essen.
Aber ich wollte auch nicht mehr so genervt reagieren, weil sie in meine Augen klüngelt.
Als erstes habe ich dann versucht Tatsachen zu schaffen. Ich habe eine Woche lang vor dem Essen den Timer angestellt und hinterher aufgeschrieben, wie lange das Essen gedauert hat.
Erstaunlicherweise viel kürzer, als ich geschätzt hätte. 20 Minuten sind eine sehr angemessene Zeit, und das ich nach 10 Minuten fertig bin, sollte nicht der Maßstab sein.
Als erstes habe ich versucht langsamer zu essen, das tut mir auch gut.
Aber I. braucht immer noch länger als ich und „untätig“ herum sitzen mag ich nicht. Und mich mit I. zu unterhalten, führt leider dazu, dass sie gar nicht mehr weiter ist.
Ich habe mir also Strategien überlegt, wie ich es für uns beide erfreulicher gestalten kann.
Ich bereite mir schon vor dem Essen einen Cappuccino vor, den hole ich mir dann schnell aus der Küche. Dann lese ich den Kindern etwas vor, trinke meinen Cappuccino und genieße die Pause. An Tagen, an denen ich weiß, dass ich dazu keine Ruhe haben werde, essen wir in der Küche. Da ist es zwar eng, aber wenn ich fertig bin, dann kann ich schon mal anfangen aufzuräumen und I. ist nicht alleine.
Er richtet das Abendbrot. Der trocken Rotwein wird ihr schmecken, da war er sich ganz sicher. Das frische Baguette noch, sie mag Baguette lieber als Brötchen, dass hat er sich gemerkt. Sie hatte einen schweren Tag, deshalb liest er ihr jeden Wunsch von den Augen ab und weiß genau, womit er ihr eine Freude machen kann. Er hat genau ihren Geschmack getroffen.
Diese Sätze könnten alle aus einem Liebesroman stammen. Und falls Sie selber die beschriebene Frau wären, wie würde es sich für sie anfühlen?
Unsere Kinder wollen sich auch gerne so fühlen, brauchen es so geliebt und so gesehen zu werden. In ganz vielen Situationen ist es uns ein leichtes, ihnen dieses Gefühl zu vermitteln. Besonders nötig haben sie es, wenn es ihnen nicht gut geht, wenn sie den Tag über meckerig und unzufrieden waren.
Achten Sie mal einen Tag lang darauf, wie oft Sie Ihr Kind vor eine Wahl stellen und sie dessen Antwort schon kennen. Falls Sie der Meinung sind, dass sie schon wissen, wie Ihr Kind sich entscheiden wird, dann fragen Sie nicht, sondern geben Sie das, von dem sie glauben, dass es der Wahl Ihres Kindes entspricht.
Ganz besonders nach einem schwierigen Tag, dann braucht ihr Kind dieses Gefühl von Ihnen geliebt und umsorgt zu werden erst recht.
Sollten Sie mit einer Wahl daneben liegen, werden Sie eine Rückmeldung von Ihrem Kind bekommen. In dem Fall haben Sie Ihr Kind wieder ein bisschen besser kennen gelernt.
Er mag kein Gemüse. Spazieren gehen macht ihr keinen Spaß. Er ist ein ganz schlechter Schläfer. Sie liest nicht gerne.
Haben Sie sich schon einmal ertappt, dass Sie Ihr Kind in eine Schublade gesteckt haben und diese nicht wieder geöffnet haben.
Letzte Woche habe ich darüber geschrieben, wie schön es sein kann, wenn mich jemand so gut kennt, dass er meine Vorlieben einschätzen kann und ungefragt etwas für mich macht.
Wenn es aber so ist, dass ich „abgestempelt“ werde, dann fühlt es sich nicht mehr gut an, dann fühle ich mich eingeschränkt.
„Ich weiß, du mochtest bisher keinen Brokkoli, möchtest Du es trotzdem noch einmal probieren?
Ich weiß, Du bist die letzte Zeit nicht gerne mit dem Bus gefahren, morgen früh habe ich allerdings wenig Zeit. Könntest Du es noch einmal versuchen, ich denke, Du kannst das schon schaffen?
Überlegen Sie ab und zu vorher, ob Sie ihr Kind fragen wollen oder nicht, oft ist das Ergebnis ganz überraschend.
Wichtig ist allerdings, dass sie bei einer Frage die Antwort des Kindes auch akzeptieren und nicht hinterher das Kind versuchen zu überreden.
Über den Rand hinaus malen kann Spaß machen
Der Alltag der Kinder besteht daraus, gedanklich über den Rand zu malen.
Die meisten Erwachsenen verhalten sich aufgrund ihrer Erfahrungen und dem Wunsch in einer Gruppe nicht auffallen zu wollen sehr angepasst.
Häufig ist das auch gut!
Sich im Straßenverkehr an eine Gruppe anzupassen ist sinnvoll und sogar lebenswichtig.
Aber es kann auch sehr einengen. Oft geht den Erwachsenen die forschende und neugierige und vor allem offene Sicht der Kinder auf die Welt verloren.
Da ist ein Stück Holz eben ein Bügeleisen oder ein Pferd.
Sich auf den Blickwinkel des Kindes einlassen kann sehr bereichernd sein.
Versuchen sie es mal einen Tag lag!
Meine Tochter hat keine Lust Zähne zu putzen. Jeden Abend haben wir Diskussion oder Theater deswegen. Also hab ich mich gefragt, warum das so ist.
I. möchte sich keine Zähne putzen.
Warum?
Weil es ihr unangenehm ist. Oder weil sie noch nicht ins Bett will. Weil es ihr einfach lästig ist.
Fall 1:
Weil es ihr unangenehm ist.
Warum ist es ihr unangenehm?
Weil die Haltung nicht gut ist. Weil ihr die Zahnbürste weh tut. Weil ihr das lange Stillhalten schwer fällt.
Fall 2: Weil sie noch nicht ins Bett will.
Warum will sie noch nicht ins Bett?
Weil sie Sorge hat, dass sie etwas verpasst. Weil sie noch nicht müde ist. Weil ihr das Einschlafen schwer fällt. Weil sie Angst im dunklen Zimmer hat.
Fall 3: Weil es ihr einfach lästig ist.
Warum ist es ihr einfach lästig?
Weil sie in der Zeit etwas Lustiges machen möchte. Weil sie lieber spielt.
Sie sehen schon, durch einfaches, wiederholtes Warum fragen lichtet sich das Dunkel ums Zähne putzen.
Jede einzelne Antwort kann nun abermals hinterfragt werden. Aber ich bin mir fast sicher, dass Sie jetzt schon eine Idee haben, wie das abendliche Zähne putzen interessanter gestaltet werden kann.
Bei uns ist es zur Zeit so, dass I. gemütlich auf einem Hocker sitzt, sich bei mir an den Knien anlehnt und ich beim Putzen ein Lied nach Wunsch singe oder ein Gedicht aufsage.
Das es sich schon in den nächsten Tagen ändern kann, dass brauche ich sicher nicht erwähnen.
Ungestörte Abende
Viele Eltern wünschen sich am Abend die Zeit vor dem Kind zurück. Als es noch möglich war Pläne zu machen und diese auch sicher so stattfanden.
Als der Abend berechenbar war.
Nun, das hat sich nicht geändert mit Kind. Die Abende sind immer noch berechenbar, nur haben die Erwachsenen manchmal nicht gemerkt, das sie die Rechnung an die neue Situation anpassen müssen.
Auch mit Kind ist ein Abend berechenbar. Ich kann damit rechnen, dass das Kind nicht sofort ein schläft, ich kann damit rechnen, dass das Kind noch mehrmals aufsteht.
Ich kann damit rechnen, dass das Kind noch einmal wach wird.
Und wenn die diesen Umstand in meine Abendplanung mit einrechne, dann bin ich auf diese Situation vorbereitet und der Abend wird berechenbar.
Welche Situation ist wohl für alle entspannter:
Sitauation 1:
Ich möchte gerne den Film um 20.15 Uhr im Fernsehen sehen. Normalerweise schläft meine Tochter so gegen halb acht Uhr ein, allerdings ist sie etwas verschnupft. Ich beeile mich extra mit dem Abendbrot und drängele unmerklich etwas beim Ausziehen und Zähneputzen. I. fühlt sich prompt angetrieben und ihr fällt immer noch etwas anderes ein. Ich sehe den Zeiger der Uhr unaufhörlich weiter wandern und merke wie ich innerlich immer angespannter werde. Nun wollte ich extra schnell machen und als ich mit vorlesen anfange ist es schon 10 Min. später als sonst.
Ich gebe meiner Tochter die Schuld und sage ihr, dass ich jetzt nicht so lange vorlese, weil sie sich ja nicht beeilt hat. Die Stimmung kippt, I. meckert und ich meckere zurück, dass ich so gar nicht mehr vorlese. Schließlich gehe ich um kurz vor acht aus dem Zimmer, i. ist traurig und sauer, ich bin sauer und denke mir, dass sie jetzt sicher noch mehrfach runter kommt und es wieder nichts wird mit dem Film.
Wie oft treffen selbsterfüllende Prophezeiungen ein, und natürlich kommt sie runter und ich meckere, weil ich den Film ausmachen muss. Sie merkt, dass sie stört und mit diesem Gefühl fällt es ihr noch schwerer, wieder ins Bett zu gehen.
Situation 2:
Ich möchte gerne den Film um 20:15 Uhr im Fernsehen sehen. Ich überlege mir vorher, wie wichtig es mir ist, den Film in ganzer Länge und ohne Unterbrechungen zu sehen. Da es mir in diesem Fall sehr wichtig ist, programmiere ich meinen DVD Rekorder oder rufe Freunde an, ob diese mir den Film aufnehmen können. Außerdem beginne ich mit dem Abendprogramm eine Viertelstunde früher, damit wir auf jeden Fall genug Zeit haben.
Ich sorge für eine ausgeglichene und entspannte Stimmung beim Abendbrot und wir fangen rechtzeitig an mit Ausziehen und Zähneputzen. Als Ida anfängt zu trödeln helfe ich ihr kommentarlos und ohne zu meckern.
Im Bett lese ich in Ruhe vor, habe noch Zeit für einen Moment Kuscheln und gehe dann mit guter, entspannter Stimmung nach unten.
Im Moment werfen unsere großen Bäume alle Blätter ab. Das bedeutet jeden Tag ca. 1 Stunde Laubhaken und aufsammeln, eine Arbeit, die ich meistens mag, an der frischen Luft sein, Bewegung haben und dann noch einen schnellen Erfolg sehen.
Wenn es aber in die vierte Woche geht mit Laubhaken, es dann noch auf die morgens schon begonnen Haufen geregnet hat und alles matschig ist, dann ist die Motivation doch eher gering.
So ein Tag war gestern und ich hatte das Laubhaken noch vor mir, als ich alle vier Tageskinder eingesammelt hatte.
Drei der Kinder haben sofort angefangen Pferd zu spielen und sind im Garten herum gesaust.
Fabian wollte mir helfen.
Nach einer Stunde sind wir alle fünf sehr zufrieden ins Haus, das Laub war komplett weg und ich habe sogar noch die Gartenmöbel weg geräumt. Und ich habe eine lange Liste an Wörtern in meinem Kopf mit ins Haus genommen und diese Liste entsorge ich jetzt hier gedanklich.
All diese Sätze hab ich heute nicht zu den Kindern gesagt:
„Wollt ihr nicht auch helfen?“
„ Wenn wir alle zusammen arbeiten, dann sind wir schneller“
„Nimm doch lieber den Rechen, mit dem Besen geht es nicht so gut“
„Stell den Sammeleimer doch näher ran, sonst fällt Dir das halbe Laub wieder runter“
„Lass es mich auf die Sammelstelle schütten“
„Schütte es mehr in die Mitte“
„Lass uns doch erst diesen Haufen zu Ende haken“
„Fang die Treppe doch lieber oben an zu kehren“
und noch viele, viele weitere Sätze. Und auch die drei Pferd spielenden Kinder haben mir geholfen. Sie haben uns nämlich nicht gestört. Wenn ich sie irgendwie dazu gebracht hätte, mir zu helfen, dann wäre sie sicher maulig gewesen.
Manchmal stimmen alte Sprichwörter doch:
Reden ist silber, schweigen ist gold!
|